Saatgut Festival 2015 im ÖBZ – „Vielfalt erhalten und genießen!“

Am Sonntag, den 22. Februar veranstaltete das ÖBZ (Ökologisches Bildungszentrum) zusammen mit VEN (dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt) ein buntes Programm um das Saatgut.

Es ist reichlich an der Zeit, dass die Menschen sich endlich bewußt werden, wie wichtig die Souveränität des Saatgutes und den Erhalt seiner Vielfalt für unsere Zukunft ist. Bedroht durch die „Grüne Revolution“ werden uralte, samenfeste Kulturpflanzen und traditionelle Landwirtschaft zerstört. Unvorstellbare Gesetze möchten den Tausch des Saatgutes verhindern, ein Vorgang, der schon in prähistorischen Zeiten üblich war, das beweisen neueste Funde vor der Küste Großbritanniens: Taucher entdeckten vor der Isle of Wight 8.000 Jahre alte Weizenkörner, wo die Archäologen sie eigentlich nicht vermutet hätten. Hybridsorten, deren Geschmacksqualitäten und Ernährungswerte minderwertig sind, erobern unsere Märkte, Gärten und Teller und lassen uns auf der ganzen Welt abhängig von großen Saatguthersteller und Agrochemiekonzernen abhängig werden.

Umso erfreulicher war es zu sehen, wie gut das Festival in diesem Jahr besucht war: schon kurz nach Beginn des Festivals war das ÖBZ in der Englschalkinger Straße ziemlich voll und der Besucherstrom hat den ganzen Tag angehalten. Schon im Eingangsbereich drängten sich die Leute, vorbei an Infomaterial, Glücksbohnen und Kartoffelvielfalt aus dem Kartoffelhof Störkle. In dem überfüllten, warmen und engen Raum, der für die Vorträge vorgesehen wurde, waren die Plätze nicht leicht zu ergattern (damit hatten die Veranstalter nicht gerechnet – auch wenn die Ankündigung durch das Fernsehen für den meisten Andrang gesorgt hatte). Es gab auf der schmalen Holzwendeltreppe zum „Bienenreich“ im 1. Stock, wo u.a. Kristin Mansmann, Bioland-Imkerin, Rede und Antwort stand, manche Menschenstau. Und der Ausstellerraum, wo u.a. Sigi Fuchs, der Waldgärtner mit seiner urbanen Permakultur anwesend war, war schwer zugänglich. In einem anderen Raum wurden noch Dokumentarfilme von Bertram Verhaag gezeigt. Die Samentüten wurden schnell vergriffen und der Catering-Service gab sich aller Mühe, den Appetit der Besucher gerecht zu werden.

Ab 11 Uhr zu jeder voller Stunde gab es einen Vortrag. Besonders interessant wären sie alle, aber ich habe nur vier geschafft, danach rauchte mir der Kopf. Der Bericht von Christiane Lüst (Öko &Fair Zentrum in Gauting) über die Forderung der UNO das Saatgut zu schützen und so auch Menschenrechte, von Annette Holländer über den „Garten des Lebens“, den sie mit Hans Sondermeier in Baiern nach Prinzipien der Permakultur betreibt, um samenfestes Saatgut zu vermehren, von Jürgen Schubert (Herbamadre) über die Pflanze des Jahres Paprika und Chili, letztere mit unendlich ausdruckstarken Namen wie Trinidad Scorpion Butch oder Big Bang Naga Chocolate, und schließlich von Anja Banzhaf über das kolumbianische Netzwerk „HüterInnen der Samen des Lebens“ (Red de Guardianes de Semillas de Vida – Sembrando para el futuro) haben mich an meinem Stuhl gefesselt.

Entstanden ist das Netzwerk nachdem die zwischen der kolumbianischen Regierung und Kanada, den USA und der EU abgeschlossenen Freihandelsverträge die Kleinbauer in den Armut getrieben haben: Sie erlaubten die Importe von billigen Lebensmitteln und das in Zusammenhang mit diesen Verträgen in 2010 erlassene „Dekret 9.70“. Dieses Dekret sah den Verbot von Anbau und Vertreibung aller nicht registrierten Sorten vor, unter dem Vorwand, sie seien schlecht für die Bevölkerung. Anbau und Tausch von einheimischen und kreolischen Sorten galten von einem Tag zum anderen als Verbrechen und konnten strafrechtlich verfolgt werden. Beschlagnahmt und zerstört wurden 4 (VIER!!) Tonnen Saatgut, was zu massiven Bauernprotesten führte und gleichzeitig eine beeindruckende Welle der Solidarität quer durch das Land auslöste: sogar Stadtbewohner fühlten sich dazu aufgerufen, die Bauer und Bäuerinnen zur Seite zu stehen und bewiesen dadurch einmal mehr die Wirkungskraft des Liedes „El pueblo unido, jamás será vencido“.

Die Regierung musste zurückrudern und das Dekret ist vorerst auf Eis gelegt. Wir in Europa können uns ebenfalls solidarisch mit diesem Netzwerk zeigen und eine symbolische „Patenschaft“ für eine dieser Sorten übernehmen, damit sie nicht verloren gehen. (Kontakt in Deutschland: Jürgen Holzapfel, Stubbendorf 68, 17159 Dargun – ulenkrug@t-online.de)

Diese Bewegung macht Hoffnung, es ist ein Zeichen des Erwachens. Es bleibt noch zu hoffen, dass auch die Patentierung von Pflanzen- und Tiergenen genauso viel Interesse erweckt und die Leute wachgerüttelt werden und zusammen aufstehen, damit auch diesem Unsinn einen Riegel vorgeschoben wird.

Links zum Thema:
www.sueddeutsche.de/wissen/besiedelung-europas-steinzeit-jaeger-handelten-mit-getreide-1.2369166
www.kartoffelhof-stoerkle.de/index.shtml
bergundbluete.de/Bioland-Imkerei_Berg_und_Blute_Muenchen/Willkommen.html
www.oeko-und-fair.de
www.garten-des-lebens.de

Laurence Wuillemin, München, den 9. März 2015