Was macht „Bio“ aus?

Weil sie von allen möglichen Werbefuzzis beliebig angewendet werden, sind manche Begriffe so überstrapaziert, dass sie den Bezug zu ihrer ursprünglichen Bedeutung verlieren. Anstatt eine klares Konzept erkennbar zu machen, umfassen sie etwas, das mit der Zeit undefiniert und dehnbar bis zur äußersten Grenze geworden ist, das man meint zu kennen, weil es oft benützt wird, das aber nicht selten völlig verschwommen ist, wie z.B.: regional, nachhaltig, fair und auch manchmal sogar „bio“…

„Bio“, aber bitte vom Acker bis zum Verbraucher

Wie mir so schön eine Freundin sagte, die einen Biolandhof in Norddeutschland betreibt: „Bio reicht nicht aus, es muss ‚bio‘ auf der ganzen Linie sein, vom Acker bis zum Verkauf“. (Und ich würde sogar behaupten, bis zum Kundenkopf).

Was bedeutet das im Klartext? Das bedeutet, dass ein Bauer sich verpflichtet, die Erde, die ihm zur Verfügung steht, mit den bestmöglichen Methoden zu bestellen, damit die Humusschicht gepflegt und erhalten bleibt. Das bedeutet, dass das Saatgut aus samenfesten Sorten vermehrt wird, die sich an den Boden, an das Klima über Jahren angepasst haben und somit den besten und natürlichen Ertrag ermöglichen. Das bedeutet, dass Tiere nicht zu Produktionsmaschinen degradiert und über ihre Leistungsgrenzen hinaus ausgebeutet, sondern als wertvolle Geschöpfe betrachtet und behandelt werden, die uns wertvolle Nahrungsmittel liefern und dafür sorgen, dass uns ein gewaltiges, wertvolles Stück Lebensqualität geschenkt wird. Das bedeutet, dass der Bauer durch seine mühsame Arbeit, die er tagein, tagaus und bei jedem Wind und Wetter verrichtet, sein Lebensunterhalt gesichert sieht, weil er von uns wiederum als wertvoller Lieferant angesehen wird. Das bedeutet, dass Angestellte, ob auf dem Acker oder im Bioladen, einen Sinn in ihrer Tätigkeit erkennen und sich mit ihrer Arbeit identifizieren können, damit sie die Botschaft des sauberen Handwerks und der ehrlichen, authentischen Lebensmittel weitertragen können. Dazu gehört u.a. auch eine anständige Bezahlung.

Das bedeutet schließlich, dass der Verbraucher dazu bereit ist, die Wertigkeit dieser ganzen Produktionskette nicht nur zu erkennen, sondern sie auch anzuerkennen und zu würdigen und lieber in gute Lebensmittel zu investieren als in billige Massenware.

Eine Frage der Verantwortung

Es ist – wie man feststellt – alles eine Frage der Verantwortung und der „Nicht-Ausbeutung“: In gesunden Maßen verlangt man eine erträgliche Leistung vom Boden, aus dem man die Lebensmittel herausholt, vom Bauern, der diesen Boden hegt und pflegt, von den Tieren, die uns beschenken, so wie von den Angestellten, die mit Herz und Seele dabei sind und uns bedienen. Es geht um den Erhalt der Biodiversität, die kein leerer Begriff ist, sondern der Eckstein, der die Artenvielfalt – also den Reichtum unseres Planeten – sichert. Es geht um Menschenwürde, die nur mit der Würde der ganzen Schöpfung einhergeht.

Ist das zu viel verlangt? Der Bezug zu unseren Lebensmitteln ist uns abhanden gekommen. Produkte, die früher alle eine Geschichte hatten, sind heutzutage durch die Industrialisierung, die die Massenproduktion ermöglicht hat, anonym geworden. Ein Fortschritt, der sich im Grunde genommen am Ende als menschenfeindlich erweist.

„Bio“ ist weder Luxussiegel noch Auswuchs des schnellen Wachstums

„Bio“ sollte in der Lebensmittelbranche auf keinen Fall Luxus bedeuten und genauso wenig sollte es Billigproduktion für Massenware in Kauf nehmen. Saubere Lebensmittel, genauso wie sauberes Wasser und saubere Luft sind ein Recht, ja, ein Menschenrecht, um ein unverzerrtes Leben führen zu können. Und dieses Recht sollte nicht den Weltbewohnern vorenthalten werden und für nur wenige Mitglieder einer reichen Elite, die sich es leisten kann, zugänglich.

Denn immer wieder lautet das Ziel: Nicht für die Mülltonne produzieren! Den Lebensmitteln ihren Wert wieder geben, damit Bauern und Produzenten davon leben können – denn wir brauchen sie, genauso wie sie uns brauchen! Da steht die Branche vor ein Dilemma: Wachstum wünschen sich alle, aber wie soll er aussehen, damit er dem Leben und nicht dem Profit Rechnung trägt, damit er anständig bleibt und nicht nur einen grünen Anstrich trägt?

Wachstum soll sich vor allem selber Grenzen setzen, um glaubwürdig zu sein. Und sich damit anfreunden, „Es reicht – wir haben genug erreicht“ zu sagen und sich nicht als die Raupe Nimmersatt zu entlarven. Transparent, authentisch, handwerklich, regional, fair (hier wie woanders!) und mit einer großen Portion von der unerschütterlichen Vision, die in die menschlich gewordene Zukunft weist, so soll Wachstum im Bio-Bereich aussehen.

Laurence Wuillemin, München, den 29. Juni 2015